#1

- admin -

Köln, Deutschland

Der verzweifelte Weg aus der Unterdrückung

Syrien – ein Land auf dem Weg zur Freiheit? © PCMTH 2011

Obwohl Syrien bereits zum Zeitpunkt der Kreuzzüge zu den wichtigsten Einflussgebieten des Tempels zählte, wollen wir historisch mit der Zeit beginnen, die zu den heutigen Ereignissen führte. Nach dem sich abzeichnenden  Zusammenbruch des Osmanischen Reiches im Verlauf des ersten Weltkrieges, wurde Syrien 1916 zum französischen Einflussbereich erklärt und von französischen Truppen besetzt. Die Kontrolle durch das ferne Paris erfolgte von Anbeginn dieser weltgeschichtlich unschönen Passage nur nach dem Motto "Teile und Herrsche", durch das Ausspielen von unterschiedlichen religiösen und ethnischen Gruppen gegeneinander, vor allem durch die Bevorzugung der christlichen Maroniten. 1941 wurde Syrien von den Truppen der Alliierten besetzt. Obwohl Vertreter des „Freien Frankreich“ Syrien die Unabhängigkeit zugesichert hatten, forderte die Pariser Regierung bei ihrem Truppenrückzug nach Kriegsende einen Sonderstatus. Dies löste eine Erhebung gegen die Besatzungsmacht aus. Eine britische Intervention zwang Frankreich schließlich zum Rückzug. Im April 1946 wurde Syrien unabhängig. Nach dem verlorenen ersten Palästinakrieg waren die folgenden Jahrzehnte überschattet von Dauerkrisen, Aufständen, Putschen und einer überwiegenden ägyptischen Hegemonie, welche durch einen Putsch seitens des im Jahre 2000 verstorbenen Hafiz al-Assad, welcher sich zum Staatspräsidenten wählen ließ beendet wurde.

Auf den ersten Blick scheint Syrien, das über Jahrtausende hinweg Stätte des Aufeinanderprallens unterschiedlicher Kulturen war, eine überraschend homogene Bevölkerung aufzuweisen: Nahezu 90% der Einwohner sprechen Arabisch und sind Moslems. Neben den typischen Gebetsrufen, die fünfmal am Tag von den Lautsprechern der Minarette schallen, erinnert jeder Schritt durch die Altstädte des Landes daran, dass Syrien  ein islamisch geprägtes Land ist. Doch hinter der klaren Sprache der Zahlen verbirgt sich eine Melange nationaler und vor allem religiöser Minderheiten, die zum Teil in uralten Traditionen verwurzelt  sind.
Die Bevölkerung Syriens, das zu Beginn des französischen Mandats nicht einmal 1,3 Millionen Einwohner zählte, ist inzwischen auf über 20 Millionen angewachsen. Ähnlich wie in den Staaten Nordafrikas sind über 40% der Bevölkerung jünger als fünfzehn Jahre. Auch künftig ist mit einem rapiden Bevölkerungswachstum zu rechnen, obwohl Syrien bereits unter der extremen Überbevölkerung leidet. Damit waren seit langem, angesichts der begrenzten Möglichkeiten der Entwicklung, wirtschaftliche und soziale Folgeprobleme absehbar. Aber die propagierte Verdrängungsvermehrung, die jahrzehntelang von den islamischen Schulen gepredigt wurde, trifft erst in der deutlich weltoffeneren Jugend auf kritische Hinterfragung.
Die Syrer verstehen sich als Teil der arabischen Nation. Genau genommen aber setzen sich diese „ Araber“ aus einer sprachlich und kulturell völlig assimilierten Mischbevölkerung aus den Nachfahren der Einwanderer von der arabischen Halbinsel und verschiedenen alteingesessenen Völkern zusammen. Die traditionelle Lebensweise und Werte der islamischen Eroberer werden heute von den etwa 200.000 Beduinen repräsentiert, die noch immer durch das Land streifen. Sie haben den arabischen Gesellschaften ihren Stempel aufgedrückt, auch wenn sie in einer Zeit von Nationalstaaten, städtischer Kultur und technologischer Entwicklung eine Art Gegenpol bilden. Zu den Arabern zählen auch die derzeit fast 600.000 Palästinenser, die in der Umgebung von Damaskus und Homs leben.


Wie alle seine Nachbarstaaten, hat auch Syrien seine nationalen Minderheiten: Im Norden des Landes die unter Diskriminierung und auch Verfolgung leidenden Kurden, deren Heimat, Kurdistan, zwischen der Türkei, dem Irak, Iran, Armenien, Aserbaidschan und Syrien aufgeteilt ist; die Armenier, die hier bereits im 5. Jahrhundert eine eigene christliche Gemeinde etablierten; die Tscherkessen, die ursprünglich aus dem Kaukasus stammen und in der Zeit des Osmanischen Reiches als Wehrbauern angesiedelt wurden; die Türken und Turkmenen, die im westlichen Grenzgebiet leben, und die Assyrer, die sich im 6. Jahrhundert als unabhängige Kirche konstituierten. Zu den Minderheiten zählen schließlich auch die wenigen im Land verbliebenen Juden. Die meisten von ihnen leben in Damaskus und Aleppo in der Nähe der alten Christenviertel.
Die Beispiele der Armenier oder Assyrer verweisen bereits auf die religiöse Zersplitterung. Das gilt selbst für den moslemischen Teil der Bevölkerung. Rund 70% der Syrer zählen zur sunnitischen Mehrheitsströmung des Islam. Die Minderheitsströmung des Schiismus, eine Spaltung, die auf die Frühzeit des Islam zurückgeht, stellt 16% und zerfällt wiederum in verschiedene Strömungen.
Fast die Hälfte der Schiiten sind Alawiten. Ihr Kernland ist das sogenannte Alawitengebirge bei Al-Ladhiqiyah. Sie sind eine traditionell bäuerliche Gemeinschaft, die ärmer und weniger gebildet ist als der Durchschnitt der syrischen Bevölkerung. Unter dem alawitischen Staatschef Hafiz Al Assad wurden ihnen Schlüsselstellungen in der herrschenden Baathpartei, in der staatlichen Verwaltung und dem Militär eingeräumt.

Zu den schiitischen Minderheiten gehören auch die Drusen im Hauran und die Ismailiten, die sich in der Stadt Salamiyah konzentrieren. Ein entscheidender Anteil an der Verbreitung europäischer Gedanken und Ideologien kommt den syrischen Christen zu, die rund 9% der Bevölkerung stellen. Auch in den Palästinenser-Organisationen, die traditionell linken Dogmen folgen, ist der Anteil der Christen relativ hoch. Die Christen in Syrien sind ebenfalls in eine Vielzahl von Kirchen zersplittert, Spaltungen, die größtenteils auf theologische Kontroversen vom 3. - 5. Jahrhundert zurückgehen. In der Stadt Aleppo gibt es beispielsweise elf verschiedene christliche Gemeinschaften. Zwei Drittel der Christen folgen dem orthodoxen Ritus, der im Orient entstanden ist und gemäß der Überlieferung von den Aposteln Petrus und Paulus begründet wurde. Die Gebirgskette entlang der Küste war Rückzugsgebiet für religiöse Minderheiten. Dies gilt auch für die Maroniten im Libanon und die Alawiten Syriens, beides Gemeinschaften, die heute großen Einfluss auf die Politik ihrer Länder    haben.
Die religiöse Zersplitterung bildet ein Kernproblem der politischen Verhältnisse: Obwohl die Sunniten die weitaus größte religiöse Gemeinschaft stellen, spielen sie an den Schaltstellen der Macht nur eine untergeordnete Rolle, während Minderheiten wie Drusen, Ismailiten und Christen neben den Alawiten überrepräsentiert sind - eine wesentliche Ursache für Spannungen in der Gesellschaft, die sich wiederholt in blutigen Auseinandersetzungen entluden. Zu einem Höhepunkt dieser Konflikte kam es im Jahre 1982, als ein Aufstand der sunnitisch-fundamentalistischen Moslem-Brüder in Hama von der Luftwaffe niedergeschlagen wurde.

In den libanesischen Bürgerkrieg griff Syrien mit wechselnden Frontstellungen ein, um eigene und iranische Interessen zu wahren. 1991 wurde mit dem Libanon ein Vertrag geschlossen, der Mitsprache bei allen wichtigen Entscheidungen garantierte. Die Handlungsfreiheit für seine Libanonpolitik sicherte sich Assad durch seine proamerikanische Haltung im Golfkrieg. Haupthindernis für ein Friedensabkommen mit Israel bildet nach wie vor die israelische Besetzung der Golan-Höhen. Das Regime riskierte leichtfertig soziale Unzufriedenheit der Mehrheit der Bevölkerung, weil die für Fortschritt und Entwicklung notwendigen Mittel in den ohnehin schon viel zu teuren Militär- und Sicherheitsapparat eingeflossen sind.

Es ist vor allem die wirtschaftliche und soziale Situation im eigenen Land, die den Machthabern seit Jahrzehnten Kopfzerbrechen bereitet. Das Gespenst sozialer Revolten stellt seit jeher eine ernstere Bedrohung dar als die zerschlagene politische Opposition. Der Gegensatz zwischen denjenigen, die Zugang zu Privilegien und Pfründen des Regimes haben, und der normalen Bevölkerung hat sich auch angesichts der Altersverteilung extrem verschärft. Syrien, seit 1970 vom "Assad-Clan" regiert, ist ein Polizeistaat, der einer der repressivsten in der Region des Nahen Ostens ist. Nach dem Tod von Hafis al-Assad und der Machtübernahme durch dessen Sohn Baschar im Jahr 2000, wurden zunächst Hoffnungen geweckt, dass der junge Präsident das Land modernisieren könnte. Dieser wurde in Großbritannien ausgebildet und heiratete auch dort. Jedoch wurde Baschar von dem seit Jahrzehnten in der Gesellschaft fest verankerten Sicherheitsapparat daran gehindert von ihm geplante Reformen auf den Weg zu bringen. Wenngleich er  einige wirtschaftliche Reformen durchsetzen konnte, blieb Syrien ein Polizeistaat. Er setzte darauf mehr Zeit für Reformen zu haben, weil er mit seiner inzwischen antiamerikanischen Haltung und seinen Konfrontationskurs gegenüber Israel näher an der Grundstimmung in seinem Volk sei. Noch im Februar erklärte er in den Medien: „Syrien ist stabil!“ Damit verdeutlichte er seine völlige Fehleinschätzung der politischen Situation. Syrien steht noch eine schwere Zeit bevor.

Frá Angela de Montalbán

Komtur des Tempels

Teil 2 folgt!


 - Zwar hat die menschliche Unvernunft nicht zugenommen. Ruinös angestiegen ist jedoch die Zahl der Unvernünftigen -


Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal bearbeitet, zuletzt von »- admin -« (08.05.2011, 14:50)
#2

Sinclair

66687 Wadern, Deutschland

Respekt und Kompliment für diesen Beitrag! Neutral gehalten und sachlich äüßerst kompetent verfasst.

 

Sinclair

#3

andreas

, Schweiz

Na klar, Sinclair. Die Frage hab ich ja nicht gestellt, weil ich irgendwelchen vagen Unsinn erwartet hatte. aeg.wink.gif

Aber ich freue mich auf den Text zum aktuellen Zeitgeschehen. Danke soweit, Frá Angela!

 

 

#4

- admin -

Köln, Deutschland

Teil II:

Seit der „arabische Aufbruch“ auch Syrien erreicht hat und sich die Unruhen, die von der erwachten Jugend ausgingen,  auf nahezu alle größeren Städte und selbst in ländlichen Gegenden ausbreiteten, spekuliert die Medienlandschaft die kontroversesten Ideen und führt wieder einmal deutlich vor Augen, was in diesen Medien alles Möglich ist, wenn es nur recht sensationsgeil verbreitet wird. Es zeigt ein Gesicht, welches eigentlich niemand sehen und was auch niemand als Möglichkeit wahrhaben möchte. Berichterstattung im offen erkennbaren politischen Background des jeweiligen Verbreitungsgebietes. Die westlichen Medien kapitulieren vor dem Islam und biedern sich in einer hündischen Unterwerfungs-haltung an die Appeasementkultur der handlungsunfähigen Gutmenschenpolitik jedem an, der sich irgendwie im Sinne des Islam „beleidigt oder missachtet“ erachten könnte.

Solche Berichterstattung kennen wir schon aus der Zeit des dänischen Karikaturstreites und der auf einem menschenverachtenden Rassismus basierenden Äußerungen des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad zu Israel und sich eventuell zu diesem bekennenden Freunden. Man getraute sich nicht das offen wiederzugeben, was hier im obersten politischen Umfeld des islamischen Raumes Verbreitung fand und eierte mit Meldungen herum, die an Lächerlichkeit kaum zu überbieten waren. Zwar zeigte sich die Welt schockiert und verurteilte die jeweiligen Äußerungen, dies jedoch über lange Zeit wider besseren Wissens mit der Einschränkung, dass man subtile Zweifel an solchen Äußerungen hegte und legte sich vorsichtig fest auf „angebliche Drohungen“, „sollten solche Äußerungen tatsächlich gefallen sein“, und viele der im westlichen Umfeld immer wieder aus der Versenkung auftauenden, selbsternannten Islamexperten suchten diese Dinge in einem Ausmaß zu verniedlichen und zu verharmlosen, dass sie sicher selbst unter ständigen schweren Verdauungsproblemen zu leiden hätten, wenn sie diesen Unsinn, den sie da ausspukten, wiederzukäuen hätten.

Zwar hat nun auf einen breiten Öffentlichkeitsdruck die EU Sanktionen für Syrien  beschlossen, bei denen natürlich der syrische Staatschef auf Wunsch der Türkei ausgeschlossen wurde, aber eine eindeutige und konsequente politische Haltung wird hier nach wie vor nicht geäußert.

Zudem sind die in der Vergangenheit in der westlichen Politik immer wieder gezeigten Anzeichen einer Vulnerability und signifikanten Schwäche gegenüber dem Islam, inzwischen auch durch die gemäß dem vorliegenden UN-Mandat aufgenommene aber nur unentschlossen und mit wenig Engagement betriebene Durchsetzung des „Schutzes der libyschen Zivilisten“, in einem Ausmaß durchschaubar geworden, welche das westliche Bündnis der NATO als handlungsunfähiges und inhaltsfreies Relikt des kalten Krieges bloßstellt.  Die individuellen Interessen der Mitgliedsstaaten und insbesondere einiger sich selbst überschätzender politischer Vertreter sind inzwischen geeignet, dieses Bündnis völlig zu lähmen und die wirtschaftlichen Probleme der letzten Jahre zeigen gerade hier in der Verteidigungsbereitschaft erschreckende Spuren – kaum ein Mitgliedsstaat ist noch in der Lage seine vertraglichen Zusicherungen und Verpflichtungen zu erfüllen, Menschen und Material wurden in einem Ausmaß in rein statistische Werte verwandelt, dass das Wort Papiertiger hier eine erstaunliche Realität geworden ist.

Wer etwas näher in die politische Geschichte Syriens, hier insbesondere in die Zeit seit dem Golfkrieg eintaucht, erkennt die teilweise radikalen Sinneswandel in der syrischen Führung. Offensichtlich erkannte man hier sehr früh, was da im Untergrund schwelte und was daraus erwachsen konnte. Zum einen waren die religiösen Gruppierungen niemals wirklich zu kontrollieren – diese waren alle teilbewaffnet und hielten sich eigene Milizen – und der Staat konnte mit Hilfe des Militärs zumindest den Extremismus im eigenen Volk unter Kontrolle halten. Auf der anderen Seite befindet sich in Damaskus das Hauptquartier der Hamas, welche den zu intensiven Kontakt zwischen Syrien und Israel zu unterwandern drohte. Zudem kamen die jahrelangen Probleme mit der Türkei, welche zum einen in den Kurdenproblemen zu sehen waren, zum bedeutend wichtigeren Teil für Syrien jedoch in den Wasserstreitigkeiten am Euphrat und am Orontes. Die Türkei hat – mit Hilfe der EU und der Weltbank – ein vorbildliches Bewässerungs- und Stauseesystem errichtet, welches ihr ermöglicht in großem Maße landwirtschaftliche Überschüsse zum Export zu erzeugen und davon erheblich zu profitieren. Der Nachteil dieser Maßnahmen aber zeigt sich in den nunmehr entstandenen schweren Problemen in der Wasserversorgung Syriens und des Irak.

Alle drei Staaten verbrauchen zusammen so viel Wasser, dass der Euphrat das Meer nicht mehr erreicht. Zusätzlich zeigen die Klimaveränderungen gerade in den letzten 5 Jahren so schwere Auswirkungen, dass in Syrien 30 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche unbebaubar wurden. Dies im Hinblick auf die ständig wachsende Bevölkerung betrachtet zeigt einen Problempunkt, der allein schon ausreicht die Unzufriedenheit im Volke mehr als anzuheizen. Jetzt taucht die Türkei plötzlich „als Freund“ auf, bewilligt in gewissem Umfang mehr Wasser durch die Staumauern nach Syrien abfließen zu lassen und verkauft den Syrern die dringend benötigten landwirtschaftlichen Produkte und sonstigen Lebensmittel. Auch im Handel mit sonstigen wirtschaftlichen Gütern ist hier ein wichtiger Handelspartner für die Türkei erkannt worden. Syrien wurde also im großen Umfang abhängig von der Türkei.

Betrachten wir die militärische Stärke Syriens, so sehen wir hier eine der größten Armeen der Erde. Überwiegend ausgerüstet wurde diese von der Sowjetunion und in geringerem Umfang von deren Nachfolgestaaten. Dies erweist sich jetzt als erheblicher Nachteil, weil bei aller Stärke in Zahlen, es sich nicht mehr verleugnen lässt, dass der größte Teil der Waffentechnik völlig überholt und zum Großteil nur noch bedingt einsatzfähig ist. Von den einstmals 4.700 Kampfpanzern können derzeit kaum 400 als einsatzfähig betrachtet werden. Die Luftwaffe verfügt nur noch über bedingt einsatzfähige Kampfflugzeuge und kaum ausgebildete Piloten. Syrien versuchte dies durch neu erwachtes Interesse an westlichen Freundschaften zu verbessern – syrische Offiziere werden inzwischen in Großbritannien nach westlichem Standard geschult und dringend benötigte Ersatzteile für die Militärtechnik in türkischen Industriekomplexen gefertigt und auch in nicht unerheblichem Umfang in Eigenproduktion hergestellt. Auch sehr leistungsfähige Verbesserungen auf dem Raketensektor werden selbst entwickelt. Insgesamt jedoch ist diese völlig überdimensionierte,  hochmotivierte aber technisch veraltete Armee kaum als schlagfähig zu erachten – jedoch schlagfähig genug das eigene Volk zu unterdrücken und jeden Versuch eines Umbruches zu unterbinden. Wie die letzten Wochen zeigen, ist man da auch völlig skrupellos jeden Ruf nach Freiheit und demokratischem Umbruch brutal mit militärischen Mitteln zu unterbinden. Was hätte man auch zu fürchten – die Nato wohl eindeutig nicht. Die Türkei hat man als Freund gewonnen und diese ist zudem derart in ihrem selbstsüchtigen Streben nach einem neuen Osmanenreich gefangen, dass sie in Verkennung der Lage, die real bestehenden Freiheitsbestrebungen und -bemühungen im arabischen Raum als Ansatz für ihre eigenen Interessen zu nutzen sucht. Wirklicher Erfolg scheint ihr da aber kaum beschieden zu sein. 500 Jahre Unterdrückung sind eine nicht zu leugnende Altlast, die höchstens dem westlichen Gutmenschentum einfach wegzureden ist – Araber denken da offensichtlich anders. Zudem könnte eine falsche Reaktion in Ankara durchaus geeignet sein in der Türkei selbst gewisse Freiheits- und Unabhängigkeitsgedanken aufleben zu lassen. Das überwiegende Grenzgebiet zu Syrien ist erst spät zur Türkei zugeschlagen worden und dort leben Menschen, deren Volksgruppen auch auf der anderen Seite in Syrien leben. Zudem ist der Verbund der Syrier mit dem Iran nicht wirklich zu übersehen und hier könnte eine Auseinandersetzung die politischen Spieler in Ankara bei weitem Überfordern.

So ergibt sich derzeit in Syrien eine Situation, die die völlige militärische Niederwerfung und Unterdrückung politischer Freiheitsbewegungen und völlige Ignorierung von Menschen- und Völkerrechten, zeigt. Von außen besteht keinerlei Gefahr – alle Nachbarn zeigen sich zwar in einer genauso mühsam zur Schau getragen Bestürzung wie der Westen, aber niemand sieht sich in der Lage abzusehen was die Zukunft bringt und welchen Weg Syrien nehmen könnte, wenn der Präsident fällt.  

Inzwischen hat das Militär die meisten größeren Städte besetzt und die aufkeimenden Proteste brutal niedergeworfen. Ohne Zweifel gehen auch von den demonstrierenden  Gruppen gewisse Gewaltakte aus und es kommt zu Übergriffen gegen die Ordnungskräfte. Ausgelöst werden diese jedoch grundsätzlich durch die völlig unmenschlichen, überzogenen Angriffe der Staatsdiener. Aus den Beobachtungen  vor Ort befindlicher Ordensangehöriger können wir die Zahl der getöteten Zivilisten mit derzeit 842 angeben. Die Anzahl von „verschleppten“ Zivilisten schätzen wir aus den Beobachtungen auf mehr als 9000. Das Regime will sich um jeden Preis an der Macht halten und es läuft nicht Gefahr, dass ihm das Militär in den Rücken fällt. Alle Soldaten, die sich zu Beginn an Demonstrationen beteiligten wurden standrechtlich erschossen. Wie lange diese Abschreckung Wirkung zeigen kann, muss die Zukunft lehren. Die Führungsspitze des Militärs wird „ihren“ Präsidenten nur dann fallen lassen, wenn sie sich nicht mehr in der Lage sieht die Massen einzuschüchtern. Dies jedoch kann nur dann gelingen, wenn das Volk seine religiösen Dünkel beiseite stellt und sich auf eine politische Zielrichtung einigt. Dann könnte es auch gelingen Teile des Militärs für Veränderungen zu gewinnen. Die Loyalität der Militärs wird dann fallen, wenn diese erkennen müssen, dass ihre Zukunft nicht mehr mit den Zukunftsplänen des Präsidenten konform gehen kann. Hier ist die fatale wirtschaftliche Lage des Landes und die Abhängigkeit von Wirtschafts- und Finanzhilfen aus Saudi-Arabien und der EU eine durchaus zu berücksichtigende Größe.

Frá Angela de Montalbán

Komtur des Tempels


 - Zwar hat die menschliche Unvernunft nicht zugenommen. Ruinös angestiegen ist jedoch die Zahl der Unvernünftigen -


Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal bearbeitet, zuletzt von »- admin -« (10.05.2011, 13:19)
#5

andreas

, Schweiz

Entschuldigt meine späte Reaktion. Ich hatte die Woche andere Sorgen.

Die politischen Verflechtungen sind schon interessant, letztlich ist es eine Illusion, zu erwarten, der Westen würde anders reagieren, als es die Interessenspolitik erlaubt. Und die muslimischen Ländern neigen traditonell zur Selbstüberschätzung. Die Bevölkerungsexplosion in letzeren ist mir auch schon aufgefallen, man muss nur mal bei Wikipedia die Bevölkerungsentwicklungen anschauen. Alle haben eine 45° steile Gerade nach oben. Und woher das kommt, habt ihr mir gerade bestätigt.

Aber die spanndste Frage ist wohl, wie gehts da weiter. Und wie in all diesen aktuellen Krisenstaaten weiss das anscheinend niemand so wirklich.

#6

andreas

, Schweiz

Seit eurem letzten Beitrag ist ja einiges Wasser den Tigris runtergeflossen. Die Situation in Syrien eskalliert, die arabische Liga hat sich mit ihren Beobachtern zum Deppen gemacht und die UNO scheitert am Veto von Russland und China.

Vielleicht möchte der Tempel einen Beitrag zur aktuellen Geschehen machen?

#7

PCMTH international

Brisbane, Australien

Wir bitten um Verständnis, dass in einer derartigen Situation, wie man sie jetzt in Syrien findet, keinerlei Informationen von unserer Seite herausgegeben werden können. Die Dinge gehen ihren Weg und wir sind bester Hoffnung, dass diese sich durchaus in einer Richtung entwickeln, die geeignet ist unseren Vorstellungen nahe zu kommen.

Frá Richard v. Alvensleben

Komtur des Tempels

#8

magnusfe

, Deutschland

Damaskus müsste eigentlich bald vollständig vernichtet  und unbewohnbar werden

ansonsten hätte ich mich sehr massiv geirrt und das möchte ich nicht gerne  zugeben müssen

 

Mal schaun ...


Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal bearbeitet, zuletzt von »magnusfe« (26.02.2012, 00:57)
#9

- admin -

Köln, Deutschland

So wie sich die Lage jetzt entwickelt, könnten uninformierte Kreise vielleicht zu einer solchen Prognose neigen. Aber Damaskus liegt vorläufig nicht im Visier der Kontrahenten. Auch sollte man berücksichtigen, dass Damaskus eine Hochburg des Regimes ist und daher kaum ernsthaft zu befürchten ist, dass die Artillerie oder Raketenangriffe auf diese Stadt ausgedehnt werden. Sicher muss man jedoch nach dem Referendum davon ausgehen, dass die Kämpfe sich verschärfen werden. Man hat es nunmehr nicht mehr allein mit den diversen Gruppen unterdrückter Volksangehöriger und deren überwiegend aus Deserteuren rekrutierter Armee zu tun, sondern mit einer Vielzahl von Gruppierungen, die alle eigene Interessen verfolgen und die unterschiedlichsten, überwiegend ausländischen Unterstützer haben. Während sich die Regierung nach wie vor auf direkte Unterstützung - auch durch regimetreue  Milizionäre - aus dem Iran und zusätzlich politischer Rückendeckung durch Russland und auch China - hier jedoch mit deutlich vorsichtigerer Präsenz, verlassen kann, erhalten die Aufständischen jetzt auch Unterstützung von Gruppierungen, die bisher in Syrien weder anzutreffen noch überhaupt unterstützt oder geduldet worden wären.  Wieder einmal hat die Weltöffentlichkeit es versäumt durch entschlossenes und konsequentes Handeln eine Entwicklung zu verhindern, wie dies in Nordafrika geschehen konnte. Offensichtlich sind die letzten 33 Jahre iranischer Fehlentwicklungen nicht  Abschreckung genug, der UN ein einvernehmliches Handeln abzunötigen.

Aber um auf Damaskus zurückzukommen, egal wie sich die Lage jetzt weiter verschärft, sehen wir keine Gefahr, dass diese Stadt gleich Homs dem Erdboden gleich gemacht wird. Sollten hier militärische Aktionen erforderlich werden, wird diese Stadt sehr schnell fallen!

Frá Angela de Montalbán

Komtur des Tempels


 - Zwar hat die menschliche Unvernunft nicht zugenommen. Ruinös angestiegen ist jedoch die Zahl der Unvernünftigen -

#10

magnusfe

, Deutschland

Es ist aus religiösen Gründen leider notwendig, Damaskus zu zerstören, und zwar so stark, dass kein Mensch mehr dort wohnen kann

Dies ist die Last für Damaskus: Siehe, Damaskus wird keine Stadt mehr sein, sondern ein zerfallener Steinhaufen; 2seine Städte werden verlassen sein für immer, daß Herden dort weiden, die niemand verscheucht Jesaja 17 (bisher unerfüllt)

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Eine z.b. nukleare Zerstörung von Damaskus würde die Religionisten sehr glücklich machen weil dann die Religiösen Vorhersagen erfüllt wurden

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