#1

Jamie

, Schweiz

Heute stiess ich auf einen Text, den ich nicht schlecht fand. Es geht darin um Liebe. Ich weiss, dass Liebe ein rein chemischer Betrug im Gehirn eines Lebewesens ist, perfid in seiner Täuschung. Leider empfinde auch ich manchmal Liebe. Egal, lässt sich nicht ändern-hier der Text:

 

Rumi sagt: „Die Aufgabe ist nicht Liebe zu suchen, sondern lediglich alle Hindernisse innerhalb dir selbst zu suchen und finden, die du dagegen aufgebaut hast.“

Dieser Artikel beschreibt meinen Weg, diese Worte zu verstehen.

Hin und wieder falle ich in ein tiefes dunkles Loch der völligen Einsamkeit – ein Portal in meine persönliche Hölle – in der es sich anfühlt, als gäbe es keinerlei Liebe für mich in diesem Universum. Es fühlt sich wirklich so an, als ob es in diesem Universum keine Liebe gäbe – niemand liebt jemanden. Das Universum scheint eine kalte, gleichgültige und herzlose Maschine zu sein. Meine Seele sehnt sich danach, sich tief mit einem warmen, lebendigen und fühlenden Menschen zu verbinden, um von dieser Isolation befreit zu sein. Es fühlt sich sehr ähnlich an wie Christopher Poindexters Worte: „Und am Ende sind wir alle nur Menschen… trunken von der Idee, dass Liebe, nur Liebe unsere Gebrochenheit heilen könnte“. Das sich in authentischer, offenherziger Weise zu verbinden beruhigt diese Sehnsucht. Jedes Mal, wenn die tiefe Verbindung geschieht, verliert das herzlose, gleichgültige, lieblose Universum, das ich fürchte, seine Macht über mich.


 

#2

Dennis

Biere, Deutschland

Ein Thema über Liebe im Thread über Lichtgestalten? Da geht das logische Grundprinzip einer Antwort flöten!

Oder willst du den persischen Dichter unter die Lupe nehmen?


"Überall zeigt sich das Seiende in seiner Struktur von vollendeter Harmonie – das ist Maát."

#3

Jamie

, Schweiz

Das Gedicht bedarf keiner Antwort, ich wollte auch keine Diskussion daraus ableiten. Es sollte einfach ein kleines Licht zum anregen sein. Es geht in diesem Forum meist sehr kopflastig und nüchtern zu und her. Das ist auch gut so, denn es geht ja um die Wahrheit und mich spricht die jeweilige Thematik ja auch an.

Warum ich den Thread "Lichtgestalten oder hinters Licht geführt?" gewählt habe? Nun, eigentlich erübrigt sich die Frage bei näherer Betrachtung. Liebe ist ein chemischer Prozess, eine Illusion des Gehirns. Somit sind die meisten Lebewesen durchaus "hinters Licht geführt".


 

#4

Dennis

Biere, Deutschland

Wenn du das unter diesem Gesichtspunkt betrachtest, das "Liebe" nur ein chemischer Prozess ist, wie willst du dann Schönheit erkennen? Wie willst du erkennen können etwas zu schützen...z.B. ein geliebtes Tier?

Alles unterliegt solch Prozessen im und um den Körper...einfach alles...es kommt immer nur darauf an aus welchen Blickwinkel du dies betrachtest.

Wenn ich die Spatzen am Kornfeld mit "chemischen Blick" betrachtet hätte, dann wäre ich der Außenstehende gewesen.
Aber ich "liebe" solch Momente!


"Überall zeigt sich das Seiende in seiner Struktur von vollendeter Harmonie – das ist Maát."

#5

Jamie

, Schweiz

Das bezweifle ich nicht. Aber du bist dir sicherlich bewusst, dass diese Betrachtungsweise rein subjektiv ist. Was ich als schön empfinde nehmen andere meist nicht wahr, umgekehrt habe ich an dem was die Masse als schön bezeichnet kein Interesse.

Was die Tiere angeht, nun ich mag sie und sie sind mir sympathisch. Meine Katze liebe ich auch auf eine gewisse Art und Weise. Aber es ist (in meinem Fall) eine realistisch verstandene Liebe, ich geniesse die Zeit mit der Katze und sie wohl auch mit mir. Meine Bindung ist aber eher Kopflastig-ich weiss, dass dies alles ein Selbstbetrug ist und da ich mir dessen klar bin gibt es keine Tiefere Bindung. Ich kann mich nicht selbst belügen, konnte ich noch nie.

Wie gesagt ich geniesse den Moment durchaus aber wenn es endet ist es mir auch Wurst. Ich bin auch gerne am Leben aber mir wäre es egal wenn ich wüsste, dass morgen mein Leben endet. Ob diese Einstellung auf mein Gottvertrauen zurückgeht weiss ich nicht aber man schwebt gewissermassen über den alltäglichen Dingen. Kennst du diese Erfahrungen?


 

#6

Dennis

Biere, Deutschland

Ich hatte mich mal mit einem Atheisten über solch ein Thema in den Haaren. Er betrachtete das Leben ähnlich deiner Aussage.
Ihm war es auch "Wurst" das er irgendwann stirbt und er wollte all sein Wissen seinen Kindern weitergeben die dann in seinen Namen "weiterleben"...

...ich sagte ihm das ich diese Aussage als "tot" empfinde. Die Diskussion ging eine ganze Weile...

Du kannst nichts empfinden wenn du dir denkst das alles nur eine "chemische Reaktion" ist...ein einfach nur funktionierendes Ineinandergreifen von anfänglichen Zufällen. Auch wenn es so ist...

...ist es doch gleichzeitig ein Schwingen der Flügel die dies alles in Bewegung bringen und halten! Ein Flüstern im Wind der die gedankliche Ruhe unterbricht und die Beobachtung zulässt, wie sich früh am Morgen ein Spatz in einer Pfütze erfrischt.

In Liebe 😘 ...der SOL

 

P.S. Nein, mir ist es nicht egal und nein, über den alltäglichen Dingen zu schweben bringt nur eine Sicht der Welt zu Tage. Das ist ja gerade das schwierige - diese Waage zu halten, zwischen Realität und Spiritualität!


"Überall zeigt sich das Seiende in seiner Struktur von vollendeter Harmonie – das ist Maát."

#7

Frá Andreas

Córdoba, Argentinien

Hier möchte ich einen Vers zitieren den wir in der christlichen Bibel nachlesen können: 

Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm. (1. Johannes 4,16b). 

Kinder, lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern in Tat und Wahrheit! Hieran werden wir erkennen, dass wir aus der Wahrheit sind … (1. Johannes 3,18-19a)

Was aber können wir aus den Worten des Johannes an Wahrheit gewinnen? Wie aber sollten wir dies verstehen, wenn wir in der Realität, also in der Wahrheit Gottes bleiben?

Der Koran ist in Sachen Liebe deutlich zurückhaltender. Selbst die Liebe unter Eheleuten ist nicht zwingend geboten - dies ist vielmehr eine Sache eines Vertrages der nicht unbedingt auf Gegenseitigkeit beruht:

„Sag: ‚Wenn ihr Gott liebt, dann folgt mir, damit euch Gott liebt und euch eure Sünden vergibt!‘ Gott ist voller Vergebung und barmherzig. Sag: ‚Gehorcht Gott und dem Gesandten!‘ Doch wenn sie sich abkehren – Gott liebt nicht die Ungläubigen.“, (Sure 3, Vers 31-32).

Und zu seinen Zeichen gehört, dass er euch aus euch selbst Ehefrauen erschaffen hat, damit ihr bei ihnen ruht. Er hat Liebe und Barmherzigkeit zwischen euch geschaffen.“ (Sure 30, Vers 21).

Wir sehen also, dass Liebe nicht unbedingt Liebe ist und in den verschiedenen Religionen eine recht unterschiedliche Wertung erfährt. Aber müssen wir Liebe tatsächlich allein auf einen chemischen Prozess reduzieren und das Ausleben dieses allein den Philosophen und Dichtern überlassen?


Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal bearbeitet, zuletzt von »Frá Andreas« (11.06.2017, 18:04)
#8

Jamie

, Schweiz

Aber müssen wir Liebe tatsächlich allein auf einen chemischen Prozess reduzieren und das Ausleben dieses allein den Philosophen und Dichtern überlassen?

 

Gute Frage. Ich denke jeder merkt selber welchen Stellenwert die Liebe in seinem Leben einnimmt. Es überrascht mich immer wieder wie wichtig Liebe für die meisten Menschen offenbar ist.

Meiner Meinung nach ist zu viel Liebe genauso schädlich wie das ganze Fehlen der solchen. Mal ein anderer Wink: In einer Kirche sah ich eine Buchfassung des Neuen Testamentes. Darauf stand "Ein Liebesbrief Gottes"...

Offensichtlich unterstellen die Menschen ihre eigenen Gefühle nicht nur anderen Menschen sondern auch Gott. Und dies in der heutigen Zeit. Naiver geht es nicht mehr.


 

#9

Dennis

Biere, Deutschland

Das Problem ist doch, das Wort Liebe an sich. Es ist das Verständnis was man darüber erlebt hat, gelehrt oder vermittelt bekommt. Wie bei allem...macht es die Menge. Man kann eine Suppe versalzen oder sie schmackhaft machen.

Es geht nicht darum sich explizit nach Worten zu richten, sich an Regeln zu halten die vertraglich eine Liebeserklärung festhalten damit man Gott "tangieren" kann...es geht um das empfinden der Wahrnehmungen dabei und deren Lehren daraus.
Die Frage ist also nicht ob man das, was man empfindet, als Liebe empfindet oder als einen Reiz, um damit Gott zu gehorchen oder ihn zu erklären...sondern...ob man das überhaupt so empfinden oder so erklären sollte!

Welche Erklärung ist für die Zukunft einer Spezies fördernd, die nur mit ihrem "Da-Sein" ganze Kontinente zu verseuchen in der Lage ist?
Eine "lieblose Geschichte" über Blitze im Gehirn?

Das Wort leitet den Gedanken, wodurch der Gedanke wieder das Wort leitet...und so weiter...

...der SOL


"Überall zeigt sich das Seiende in seiner Struktur von vollendeter Harmonie – das ist Maát."

#10

Frá Maurice

Toronto, Kanada

Die in vorstehenden Beiträgen angedeutete Ferne, ja regelrechte Verleugnung von Liebe lässt uns in erschütternder Art und Weise die tiefe, gegenwärtige Sinnfinsternis der Jetztzeit, der so hochgepriesenen und doch moralfreien Moderne erkennen. Doch auch in dieser schwierigen Zeit müssen wir daran festhalten, dass Sinn, Harmonie und Schönheit objektive Realitäten des Lebens sind und das dies ein Gesetz allen Lebens ist, was in der Ma´at manifestiert ist. Es ist ein objektives Gesetz des Lebens in allen Dimensionen –körperlich-physikalisch, seelisch-psychologisch, geistig-spirituell – darauf angelegt zu sein, mit sich und seiner Umgebung in Harmonie und Resonanz zu schwingen. Das wissenschaftliche Weltbild von Fortschritt und Wachstum hat den Menschen in eine tiefe Sinnkrise gestürzt. Es hat den Menschen entmenschlicht und das Raubtier Sapiens in dekadenter, degenerierter Art hervorgebracht. Es ist an der Zeit, ein Weltbild zu formen, das neu zu denken auffordert, dass Ordnung und Struktur, Schönheit und Wahrheit, Gutes und Sinn eben nicht die geisterhaften Erfindungen eines Platon und seiner Nachfolger sind, sondern reale Aspekte der Wirklichkeit, die uns schon von den alten Ägyptern überliefert wurden, welche wir überall finden und erfahren können. Die zu finden und zu erfahren dem Menschen den Mut gibt, auch die dunklen und abgründigen Seiten des Lebens anzuschauen und zu erkennen. Der Mensch muss es wieder erlernen, nicht länger Tod und Krankheit, Leid und Sterben auszublenden und an die Peripherie der Lebenswelt zu verbannen, sondern sie zu integrieren in ein umfassendes Selbstverständnis der Gesellschaften und Individuen, die sich lösen von halbseidenen Verheißungen von Leidfreiheit und Sicherheit, welche durch anthropozentrische Fehlleistungen im religiösen geschaffen wurden. Es ist an der Zeit, einen Weg erneut zu beschreiten, den Menschen schon vor mehr als 4600 Jahren beschritten – zurück in die Zukunft einer bejahbaren Welt, die nicht von Sinnfinsternis überschattet und verstellt ist, sondern im hellen Licht des Sinns erstrahlt. Es ist an der Zeit dem Grauen in die Augen zu schauen und trotzdem das Leben zu bejahen. Der Mensch muss sich frei machen von der Frage: „Was habe ich vom Leben zu erwarten“, und sich mit Gelassenheit die Frage stellen: „Was erwartet das Leben von mir.“ Leben heißt letztendlich nichts anderes als Verantwortung zu tragen für die richtige Beantwortung der Lebensfragen, für die Erfüllung der Aufgaben, die jedem Einzelnen das Leben stellt, für die Erfüllung der Forderung der Stunde. Doch wie kommt man dahin? Wie stellt es der Einzelne an, dieser Verantwortung gerecht zu werden? Was gibt ihm die Kraft und die Weisheit, das Licht im Dunkeln zu sehen und sich vom Sinn des Lebens berühren zu lassen, wo vordergründig nur Absurdität herrscht? Die alten Ägypter suchten Verstand, Vernunft und Erkenntnis in ihrem Herzen –wir wissen es heute besser und doch sollten wir auf unser Herz hören, ja uns in die Gefühlswelt des Herzens vertiefen um den Sinn des Lebens zu finden. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar, man sieht nur mit dem Herzen wirklich - eine Weisheit von Antoine de Saint-Exupéry. Den Sinn des Lebens muss man fühlen, er erschließt sich nur dem Herzen. Er zeigt sich in der Sinnlichkeit – und zwar genau dann wenn wir lieben.


Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal bearbeitet, zuletzt von »Frá Maurice« (18.06.2017, 09:56)
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