#1

gyges

, Deutschland

was ist das korrekte Datum der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier

Hallo!

Die Zerstörung Jerusalems ist für manche christlichen Religionen ein zentrales Datum für verschiedenste Zeitrechnungen und Spekulationen .

Was gibt es für greifbare Beweise, daß es nicht im Jahre 607 v. u. Z. gewesen sein kann, dass Jersusalem zerstört wurde und für 70 Jahre

ins Exil geführt wurde.

Was kann man überhaupt zu den Zeitangaben der Bibel sagen ? Sind sie zuverlässig ?

Vielleicht habt Ihr ein paar nütliche Info´s dazu ?


Vielen Dank!  Gyges

#2

- admin -

Sydney, Australien

Die Datierung der Bibel ist insgesamt mehr als fragwürdig und sollte nicht zur historischen Datierung von Ereignissen herangezogen werden. Gerade die hier angefragten Ereignisse liegen vor der literarischen Erarbeitung der jüdischen Frühgeschichte und Zeitgeschichte während der Zeit der Verschleppung in Babylon, im Text des Tanach und waren im Verständnis der Lehre irgendwie zu erklären. Mit der hier eingebrachten Geschichtsklitterung kann man historische Daten nur unter äußerstem Vorbehalt vergleichen.

Aber es gibt durchaus andere Quellen, welche trotz der spärlichen Zeugnisse über Nabu-kudurri-usur II, in der Lage sind den Zeitrahmen genauer zu bestimmen. Als erstes sollte man die Verfolgungsbewegungen der Babylonier gegen die Assyrer beachten. Assur-Uballit II. verbündete sich mit Necho II. und versuchte sich erneut zu behaupten. Nebukadnezar zog gegen die ägyptische Garnison in Karkemis, fügte den Ägyptern eine Niederlage bei und nahm die Stadt ein. Wir sind hier aber schon im Jahre 605 – überliefert durch ägyptische und assyrische, sowie babylonische Quellen. Die nach Süden ausweichenden Ägypter verfolgte der Babylonier zunächst bis Hama, rieb deren Heer auf und machte sich die Städte entlang der Küste vom Norden bis nach Gaza tributpflichtig. Jerusalem und das gebirgige Land dieser Gegend rückten erst nach diesen Ereignissen in das Interessenfeld der Babylonier, weil die dortigen Könige, der ägyptischen Oberhoheit ledig geworden, zu einer anmaßenden Starrsinnigkeit und offensichtlichem Größenwahn neigten. Nebukadnezar konnte eine Gefährdung an der Flanke nicht dulden und überrannte und brandschatzte das Land. Die Oberschicht und brauchbare Handwerker wurden, der assyrischen Praxis folgend, zwangsumgesiedelt um weitere Aufstände zu unterbinden. Das normale Volk wurde aus den Städten vertrieben und sich selbst überlassen. Von einer Massenverschleppung kann also keine Rede sein. Die Verschleppten wurden nicht nur in die babylonische Gesellschaft integriert, sie konnten sich bis in höchste Staatsämter emporarbeiten und ermöglichten schließlich durch Verrat die kampflose Übernahme Babylons durch den Perser Kyros. Die Belohnung war das Recht auf Rückkehr in die jüdische Heimat, welches nur eine begrenzte Anzahl wahrnahm.

Eine Hilfe der  zeitlichen Einordnung bieten auch die Texte Herodots, welche Nebukadnezar als Vermittler im Streit zwischen dem Lyder Alyattes und dem Meder Kyaxares erwähnen und die Sonnenfinsternis vom 28.5. 585 B.C. welche bereits Thales von Milet vorausberechnet hatte. Unter Berücksichtigung dieser und vor allem der ägyptischen Quellen erscheint eine Vernichtung Jerusalems vor 597 ausgeschlossen.

Frá Eduard Prinz Kapiani

Ritter des Tempels


 - Zwar hat die menschliche Unvernunft nicht zugenommen. Ruinös angestiegen ist jedoch die Zahl der Unvernünftigen -

#3

gyges

, Deutschland

Hallo!

Vielen Dank für die schnelle und aufschlussreiche Antwort!  Diese Argumente sprechen  soweit schon mal sehr gegen eine Datierung auf das Jahr 607. grinser043.gif

Ich zitiere nur mal eine Aussage zu den astronomischen Phänomenen:

. . . . 

Dazu ein Blick auf die Keilschrifttafel VAT 4956. In der ersten Zeile heißt es: „37. Jahr Nebukadnezars, des Königs von Babylon“. Danach folgen detaillierte Beschreibungen der Position des Mondes und bestimmter Planeten im Verhältnis zu verschiedenen Sternen und Sternbildern. Auch eine Mondfinsternis wird erwähnt. Gelehrte sind der Meinung, alle diese Positionen träfen auf 568/567 v. u. Z. zu. Demnach müsse das 18. Jahr Nebukadnezars II. — das Jahr, in dem er Jerusalem zerstörte — 587 v. u. Z. gewesen sein. Weisen diese astronomischen Aufzeichnungen jedoch unwiderlegbar nur auf 568/567 v. u. Z. hin? Auf der Tafel wird eine Mondfinsternis erwähnt, die auf den 15. Tag des dritten babylonischen Monats (Simanu) berechnet worden war. In diesem Monat ereignete sich tatsächlich eine Mondfinsternis, und zwar an dem Tag, der dem 4. Juli (julianischer Kalender) des Jahres 568 v. u. Z. entspricht. Allerdings fand eine solche auch 20 Jahre vorher statt, am 15. Juli 588 v. u. Z.

Wenn 588 v. u. Z. das 37. Jahr Nebukadnezars II. war, dann wäre sein 18. Regierungsjahr 607 v. u. Z. — genau das Jahr, in dem nach biblischer Chronologie Jerusalem zerstört wurde.

 . . . .

Außer der erwähnten Mondfinsternis enthält die Tafel 13 Mondbeobachtungen und 15 Planetenbeobachtungen. Sie beschreiben die Position des Mondes oder bestimmter Planeten im Verhältnis zu gewissen Sternen oder Konstellationen. Außerdem sind 8 Zeitintervalle zwischen Auf- und Untergang von Sonne beziehungsweise Mond vermerkt.

Da Mondpositionen zuverlässigere Aussagen zulassen, haben sich Forscher eingehend mit den 13 Mondpositionen auf VAT 4956 befasst. Die Daten wurden anhand eines Computerprogramms ausgewertet, mit dem sich die Stellung von Himmelskörpern zu bestimmten Zeitpunkten in der Vergangenheit anzeigen lässt. Was ergab diese Analyse? Während sich für das Jahr 568/567 v. u. Z. nicht alle Mondpositionen nachweisen ließen, passten alle 13 Positionen auf das Jahr 588/587 v. u. Z. — also 20 Jahre früher.

Eine der Mondbeobachtungen, die auf 588 v. u. Z. noch besser passen als auf 568 v. u. Z., ist in Zeile 3 der hier abgebildeten Tafel zu finden. Dort ist eine bestimmte Mondstellung für die Nacht des 9. Nisannu dokumentiert. Die Wissenschaftler, die diese Position ursprünglich auf 568 v. u. Z. (–567 nach astronomischer Zeitrechnung) datierten, räumten allerdings ein, der Mond sei in jenem Jahr „am 8. Nisan, und nicht am 9.“, in dieser Stellung gewesen. Um ihre Datierung zu stützen, behaupteten sie, der Schreiber habe irrtümlich „9“ statt „8“ geschrieben. Am 9. Nisannu 588 v. u. Z. liegt jedoch eine exakte Übereinstimmung für diese Mondstellung vor.

Viele der astronomischen Angaben auf VAT 4956 über das 37. Jahr Nebukadnezars II. passen also auf 588 v. u. Z. Das wäre eine Stütze dafür, dass Jerusalem im Jahr 607 v. u. Z. zerstört wurde — wie die Bibel erkennen lässt.

 . . . .

Die von Euch erwähnte Sonnenfinsternis wird hier völlig ignoriert. Könnt Ihr dazu vielleicht etwas mehr Informationen schreiben?

Vielen Dank schon mal für die Mühe!


Gruß  - gyges

 

 

 

Die von Gyges Beitrag zu entnehmenden Angaben über die Chronologie Babyloniens stammen offensichtlich aus einem Werk zur Bibelhilfe der WTG. Diese sind natürlich entsprechend „bearbeitet“ worden, um eine Bibelchronologie zu bestätigen, welche einer wissenschaftlichen Überprüfung niemals standhalten kann. Dies ergibt selbst ein sofortiger  Textvergleich mit der Keilschrifttafel mit der Bezeichnung VAT 4956, welche sich auf der Museumsinsel in Berlin in der Vorderasiatischen Abteilung des Museums befindet und welche die Grundlage der irreführenden Theorien der WTG bildet. Von den vielen Beobachtungen, die VAT 4956 enthält, sind 29 so genau, dass neuzeitliche Astronomen leicht den exakten Tag feststellen können, an dem sie gemacht wurden.Auf diese Weise lässt sich zeigen, dass diese Beobachtungen (des Mondes und der fünf Planeten) sämtlich im Jahr 568/67 B.C. angestellt worden sein müssen. (In astronomischen Berechnungen, die zwischen l B.C. und l C.E. ein Jahr Null einschieben, wird das Datum als - 567/566 angegeben.)Wenn Nebukadnezars Regierungsjahr das Jahr 568/567 B.C. war, dann muss sein erstes Jahr 604/603 B.C. gewesen sein und sein 18. Jahr, in dem er Jerusalem verwüstete, war 587/586 B.C.

Hätten diese Beobachtungen alle tatsächlich auch 20 Jahre früher gemacht werden können, im Jahr 588/587 B.C., welches gemäß der im Buch Hilfe zum Verständnis der Bibel (WTG) enthaltenen Chronologie dem Regierungsjahr Nebukadnezars entsprach?:

Unter den Wissenschaftlern, welche sich mit der Erforschung der Zeitrechnung befassen, herrscht Konsens darüber,  dass es eine derartige Kombination astronomischer Positionen in Tausenden von Jahren nicht wieder geben würde. Die auf der Tafel VAT 4956 angegebenen Beobachtungen müssen im Jahr 568/567 B.C. angestellt worden sein, denn sie passen zu keiner anderen Konstellation, die es Tausende von Jahren vorher oder nachher gegeben hat!
Damit stützt VAT 4956 die Chronologie der neubabylonischen Ära, so wie sie von den Historikern aufgestellt wurde, in ganz besonderem Maße. Bei Nachprüfung durch neuzeitliche Astronomen stellten sich diese Berechnungen gewöhnlich als korrekt heraus.

Seit der WTG die wissenschaftlichen Ergebnisse nicht mehr in den Kram passen versucht diese die babylonischen Textschreiber der VAT 4956 als Fälscher zu beschuldigen und zu entlarven. Hier wird unterstellt, die Abschreiber aus späterer Zeit hätten die Urkunden beim Kopieren gefälscht, damit sie mit ihren eigenen Vorstellungen über die Chronologie des alten Babylon und Persien übereinstimmten. Vgl: Erwachet! Vom 8.8.1972 Seite 28. -  Ist diese Theorie plausibel?
Wie schon gesagt, ist die Tafel VAT 4956 auf die Zeit vom 1. Nisan des 37. Jahrs Nebukadnezars bis 1. Nisan seines 38. Jahres datiert.
Darüber hinaus sind beinahe alle Ereignisse, die erwähnt werden, mit Datum -Monat, Tag und Tageszeit - versehen.
Im ganzen Text erscheinen vierzig solche Daten, wenn auch das Jahr natürlich nicht an allen Stellen noch einmal genannt wird. Auf diese Weise sind alle bekannten Tagebücher datiert.
Hätten die Abschreiber die Jahresangaben in den Texten fälschen wollen, so hätten sie den Namen des regierenden Königs ändern müssen, denn wenn das 37. Jahr Nebukadnezars auf 588/587 v.u.Z. fiel, wie es im Erwachet behauptet wird, dann müsste er im Jahr 568/567, als die Beobachtungen von VAT 4956 gemacht wurden, schon viele Jahre tot gewesen sein. Die Chronologie des Bêl-re'ušunu für das neubabylonische Reich stammt aus der Seleukidenzeit und stellt augenscheinlich das zeitgenössische, "gängige" Konzept der neubabylonischen Chronologie dar. Die dortigen Angaben über die Herrschaftszeiten der neubabylonischen Könige sehen für Nebukadnezars 37. Jahr das Jahr 568/567 B.C. vor, genau wie VAT 4956.

Diese neubabylonische Chronologie des Bêl-re'ušunu erweist sich in vollständiger Übereinstimmung mit der Chronologie, die man den vielen zeitgenössischen Texten aus der neubabylonischen Zeit selbst entnehmen kann, wie den Chroniken, Königsinschriften, Handelsurkunden und, was für uns als überzeugendste Beweislast zählt, mit den ägyptischen Quellen aus derselben Zeit!

Frá Theodor v. Schöning

Komtur des Tempels


Die Vergangenheit ist nicht tot. Sie ist noch nicht einmal vorbei (Ramses II.).


Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal bearbeitet, zuletzt von »Frá Theodor« (13.12.2012, 12:02)
#5

gyges

, Deutschland

Vielen Dank für diese umfangreiche und sehr aufschlussreiche Antwort! aeg.top.gif

Ja - die von mir zitierte Textquelle ist ein Zitat von der Wachtturmgesellschaft, wie man es auf der auf der aktuellen

Webseite und in der Literatur der WTG vorfindet. Aber auch adventistische Glaubensansichten und die anderer fundamentalistischer Christen beruhen auf dieser Zeitrechnung anhand der biblischen Chronologie.

Die Wachtturmgesellschaft begründet damit ihre zentrale Lehre, daß das Königreich Gottes 1914 ( unsichtbar im Himmel) aufgerichtet wurde.

Sie berechnen das Jahr 1914 ausgehend von 607 v. u. Z. zuzüglich 2520 Jahre und kommen dadurch auf das Jahr 1914.

Wenn diese "Zeitrechnung" und das Jahr 607 widerlegt wird, dann sind auch alle daraus folgenden Lehrpunkte und Schlußfolgerungen widerlegt. So behaupten ja die ZJ, daß sie die einzigen sind, die das Königreich Gottes verkündigen.

Genaugenommen verkündigen sie aber das 1914 aufgerichtete Königreich Gottes  -  was demnach eine Irrlehre ist, da
die Berechnung von 1914 widerlegt ist.

Diese Details mögen für die Meisten belanglos sein, sind aber in der Dikussion mit Vertretern dieser "Spezies" sehr wichtig.

Also nochmals vielen Dank!

gruss - gyges

 

Aus der Epoche der babylonischen "Gefangenschaft" ist für diese Art von Glaubensopfern auch das Buch Daniel von besonderer Bedeutung. Wer sich hier einmal unbedarft mit den historischen Ereignissen (welche durchaus einen tieferen wissenschaftlichen Einblick zulassen) und den im Daniel-Text aufgestellten Behauptungen auseinander setzt, dem sollte zunächst einmal die Namensidentität des Daniel mit dem Sohn (Adoptivsohn) des Nabonid ein Anreiz zum nachforschen und überdenken gewisser Ansprüche auf Glaubhaftigkeit von Bibeltexten kommen.

Ein Hinweis zu einer Spur: Nabonid war bereits 60 (58) Jahre als er König wurde – seine eigene Glaubenskrise (Sonnengott – Mondgott) führte ihn ins arabische Ausland und zur Verlegung seines Regierungssitzes. Die Geschäfte vor Ort (Babylon) führte sein Adoptivsohn. Als der König nach 10 Jahren zurückkehrt, marschieren die Perser ein und besetzen das Land ohne auf Gegenwehr zu stoßen – alle Stau- und Überflutungseinrichtungen zum Schutz der Stadt waren funktionslos gemacht worden. Bel-šarru-uṣur bzw. Belšazar wurde Minister des persischen Königs. Die Perser und die Juden verband in der Folgezeit bis zur Machtergreifung Alexanders eine tiefe und gepflegte Freundschaft.

 

Frá Theodor v. Schöning

Komtur des Tempels


Die Vergangenheit ist nicht tot. Sie ist noch nicht einmal vorbei (Ramses II.).


Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal bearbeitet, zuletzt von »Frá Theodor« (15.12.2012, 18:31)
#7

gyges

, Deutschland

Hallo!

Da ist nun wieder eine Unstimmigkeit:

Laut wissenschaftlicher Aussagen wurde Danielals Diener des Babylonischen Königs verpflichtet und bekam den chaldäischen Namen Beltschazar („Prinz von Bel“, oder „Bel beschütze den König“)

Demnach ist Daniel selbst Belsazar.

Die Bibel stellt das aber anders dar . . .

Da soll Belsazar der Erstgeborene von Nabonid sein ?

Hier auch mal ein Link zur WTG über die Nabonid - Chronik.
 http://wol.jw.org/de/wol/d/r10/lp-x/1200003156

Was kann man dann von dem Buch Daniel glauben ? Die Geschichte vom Untergang Babylons stimmt ja teilweise, aber das mit dem "Mene Tekel" dürfte dann eher ein Märchen sein - oder ?

 

#8

- admin -

Sydney, Australien

Der WTG Text ist wie nicht anders zu erwarten entsprechend bibelkonform verändert. Deshalb ist das Buch Daniel auch äußerst kritisch und mehr als distanziert zu bewerten. Selbst die Juden haben es nur in die "Schriften" eingereiht und Daniel nicht als Propheten gesehen. Zu auffällig sind die Textpassagen welche auf die Makkabäerzeit hinweisen und somit den Zeitraum der Niederlegung dieser Schrift in die Mitte des 2. Jahrhunderts B.C. verraten. Selbst die Chronik des Nabonid weißt eindeutig auf persische Autoren hin und versucht Nabonid in einem äußerst schlechten Licht zu zeigen. Nabonid stammte aus Harran und war dort Hoherpriester. Sein Vater war Nabu-balatsu-iqbi, ein Sohn eines Bruders Nebukadnezars und seine Mutter Adda-guppi, als Sin-Priesterin eine der einflussreichsten Frauen ihrer Zeit in den Priester- und Herrscherfamilien. Nabonid wurde durch die Priesterschaft zum Staatsstreich gegen den regierenden Lā-abāši-Marduk angestiftet um das wirtschaftlich am Boden liegende Land zu reformieren. Dies gelang ihm auch durch sein konsequentes Vorgehen relativ gut und er schaffte es in kürzester Zeit die Versorgungslage im Reich deutlich zu verbessern und dem Volk einen relativen  Wohlstand zu sichern. Jedoch hatten seine Feinde das Reich bereits im Griff – die Handelswege und Karawanen wurden durch die Meder und Perser kontrolliert und Babylon konnte seine Abhängigkeit kaum noch verbergen.  Seine religiösen Ambitionen wurden im Volk  nicht gern gesehen – um den inneren Frieden zu gewähren zog er nach Thayma und residierte von dort – seine Reformen führte er jedoch weiter. Als Statthalter in Babylon setzte er seinen Adoptivsohn Belsazar ein. Diesen jüdischen Zögling hatte er in seiner Priesterzeit in Harran unterrichtet und dessen besonderes Interesse an den einheimischen Kulten und Göttern, sowie  Bildungsart und Hoffähigkeit zu schätzen gelernt, sodass er ihn an Sohnes statt annahm und ihm den Namen Belsazar  - Bel-šarru-usur - gab. Dieser paktierte jedoch mit den Persern und fiel seinem Vater in den Rücken. Nabonid kehrte nach Babylon zurück, als die Perser bereits die nördlichen Städte eingenommen hatten. Er versuchte diese zu stoppen, war den Persern jedoch unterlegen. Nachdem selbst Babylon kampflos an die Perser fiel, musste sich Nabonid ergeben. Er wurde nach Persien ins Exil geschickt und starb in hohem Alter. Eine 2000jährige Epoche ging zu Ende – vom Volk in Mesopotamien sicher unbemerkt. Der Neue Herrscher war ein Perser. Die Juden durften, sofern es der Wunsch war, nach Jerusalem zurückkehren. Dem Aufruf der Hass- und Hetzprediger dieser Zeit folgten aber nur wenige der einst deportierten Familien. Babylon behielt eine größere jüdische Gemeinde als selbst Jerusalem. Belsazar wurde Minister unter  Kyros und unter dessen Nachfolger Kambyses.

Viele der bekannten Nabonid-Überlieferungen stammen aus jüdischer Feder - hier liegen sicher auch die Quellen griechischer Autoren - und sind entsprechend der jüdischen Vorstellungen ausgearbeitet. An den Realitäten der Ereignisse orientieren sich diese relativ selten. Wie hätte die Priesterschaft des JHWH wohl dagestanden wenn diese zugeben hätte müssen, dass die jüdische Oberschicht freiwillig nach Babylon zog und es den brutalsten und gemeinsten Aktionen der Hetzpriesterschaft bedurfte (Androhung von Denunziation bis Mord und Kindesentführung) überhaupt einen Teil "des Volkes" nach der "Befreiung" durch die Perser zurück nach Jerusalem zu bewegen.

Frá Theodor v. Schöning

Komtur desTempels


 - Zwar hat die menschliche Unvernunft nicht zugenommen. Ruinös angestiegen ist jedoch die Zahl der Unvernünftigen -

#9

gyges

, Deutschland

Um nochmal auf das Jahr 587 B. C. zurückzukommen:

Es war doch der Ägyptische Pharao Apries, der  im Jahr 588 B.C die Belagerung Jerusalems durch Nebukadnezar II zu beenden versuchte.

Wie zuverlässig lässt sich die Regierungszeit Apries denn belegen ? Kann man mit Sicherheit ausschließen, daß das nicht 607 B.C. gewesen sein kann ?

Ich frage nur, weil ich noch eine zweite Beweisführung anbringen möchte.

Zwei "getrennte" Argumente und Chroniken sollten doch ausreichen um zu überzeugen....

Gruß  -  gyges

 

 


Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal bearbeitet, zuletzt von »gyges« (17.12.2012, 22:57)

Apries ist der 4. Pharao der sogenannten Saitendynastie, welche sich dadurch hervorhob, dass während ihrer Regentschaften das Ägyptische Reich noch einmal auf eine Höhe an Macht und Wohlstand gehoben wurde, welche man noch lückenhaft aus der Zeit der Dynastien des Neuen Reiches erinnerte. Und genau in dieser Erinnerung, welche sich in das kulturelle Gedächtnis des Volkes gebrannt hatte, versuchte insbesondere der Pharao Apries das Reich neu zu gestalten und alte Macht und Stärke wiederzubeleben. Er war der Letzte der einen Versuch unternahm die zunehmende griechische Unterwanderung und völlige „Vergriechung“  der Gesellschaft umzukehren und die Ägypter selbst wieder in das Zentrum der Gesellschaft zu stellen, und es war die Zeit, welche Herodot, Hekataois von Abdera und Diodor in ihren Darstellungen als besondere Glanzzeit der ägyptischen Kultur überliefern. Für unsere Zeitbestimmungen von besonderem Interesse und Wichtigkeit sind die präzisen Sonnenbeobachtungen der Priesterschaft im Tempel der Hathor von Sais, welche hier als Himmelsgöttin des Westens  und allumfassende Muttergottheit (in Stellvertretung der Isis) Verehrung fand. Die genauen Angaben über die Sonnenbilder und insbesondere der Sonnenfinsternisse dieser Zeit, ermöglichen eine noch heute wissenschaftlich zu überprüfende Richtschnur für alle Zeitmessungen.

Bereits im ersten Beitrag erwähnten wir eine dieser Sonnenfinsternisse, welche biblischen Zeitmessungen eine vernichtende Kritik bedeuten. Wenden wir uns nun dem zweiten Ereignis zu, welches die Saitenzeit eindeutig kalendarisch erfassen lässt: Der ungefähre Todeszeitpunkt von Psammetich I. konnte wegen der ersten belegten Verlautbarung seines Sohnes als Pharao ermittelt werden, die auf den 24. August (greg.) (12. Peret IV) datiert. Psammetich I. verstarb daher wohl kurz davor. Einen Monat später fand die Sonnenfinsternis vom 23. September (12. Schemu 1 ) statt. Der Zeitpunkt der Sonnenfinsternis ist in der altägyptischen Geschichte hinsichtlich ihres Termins einzigartig, da sie mit dem Beginn der Feierlichkeiten des Amun-Re-Festes zusammenfiel. Die Sonnenfinsternis begann am frühen Vormittag und endete kurz vor Mittag. Der Kernschatten verlief allerdings über Spanien und Frankreich, weshalb im Alten Ägypten das Naturschauspiel den Charakter einer partiellen Sonnenfinsternis hatte.

Necho übernahm ein schweres Erbe in einer äußerst kritischen Kriegszeit im mesopotamischen Raum. Aber seine Feldzüge waren zunächst von Erfolg gesegnet, brachten dem Land aber eine mehrjährige Phase aufeinanderfolgender Schlachten. Die wichtigste im Zusammenhang der Bibelerzählungen ist wohl die Schlacht bei Meggido, einem bereits geschichtsträchtigen Ort in diesem Gebiet, welche eigentlich gar nicht stattfand. Im Juni des Jahres 609 v. Chr. brach der Pharao mit einer neu aufgestellten Armee erneut in Richtung des Euphrats auf, um den Assyrer gegen Babylon zu unterstützen. König Joschija von Juda trat Necho  mit seiner Armee in der Nähe von Megiddo entgegen, um ihn am Durchzug hindern, da der von der JHWH Priesterschaft aufgewiegelte und zutiefst beeinflusste König von Juda nicht gewillt war, als Vasall weiter unter altägyptischer Oberhoheit zu fungieren. Zu einer Schlacht zwischen den Armeen von Necho II und Joschija kam es überhaupt nicht wirklich. Necho schickte Unterhändler um den Juden zum Abzug und zur Anerkennung der ägyptischen Herrschaft zu bewegen. Joschija lehnte hochmütig ab und Necho im Stolz verletzt und erzürnt,  griff mit seiner Streitwagenabteilung  die Israeliten auf breiter Front an, steuerte seinen Wagen selbst gegen Joschija und streckte diesen mit seinem ersten Pfeil   nieder. Die königliche Leibgarde floh mit dem zu Tode verwundeten nach Jerusalem und das jüdische Herr zerstob in panischer Flucht – hatten doch die Priester diesen Joschija zum Gottessohn und Messias erklärt, welcher niemals durch einen Ägypter hätte verwundet oder gar besiegt werden können.  – Diese Vorgeschichte ist nicht nur im Zusammenhang der Zeitfestlegungen wichtig, sondern auch für die Entscheidung des Pharao Apries Jerusalem letztlich doch den Babyloniern zu überlassen, obwohl diese zu jenem Zeitpunkt deutlich militärisch unterlegen waren. Der Pharao wurde an den schmählichen Verrat des Joschija erinnert und zudem mit der Tatsache konfrontiert, dass diese Juden die Seiten mit jedem Heerzug erneut wechselten – mit einer angemessenen Entschädigung aus dem Staatsschatz Nebukadnezars ließ sich der Verlust eines solch unzuverlässigen Vasallen offensichtlich leicht verschmerzen.  – Eine Fehleinschätzung aus späterer Sicht, eine Entscheidung zwischen Ägypten und Babylon bei Jerusalem hätte den Verlauf der Geschichte wohl deutlich zugunsten von Ägypten beeinflusst.

Dass die Bibel über dieses Josia Ereignis völlig falsche bzw. verwirrend bis widersprüchliche Aussagen wiedergibt, kann jeder selbst nachlesen – man sieht hier Josia sowohl tot als auch sterbend auf dem Schlachtfeld und Necho auf einem Feldzug gegen seinen Verbündeten Assur.

Ein weiterer auch außerhalb Ägyptens und Judäas belegter historischer Bezugspunkt ist die schwere Niederlage der ägyptischen Truppen im Jahr 571 v. Chr. im Kampf gegen den griechischen Stadtstaat Kyrene, welche den Stern Apries zum Sinken brachte, da er sich dem Vorwurf des Hochverrates ausgesetzt sah. Sein Versuch den zunehmenden griechischen Einfluss auf Ägypten einzudämmen, wurde als Versuch gedeutet, Ägypten zu schwächen, um den Griechen weitere Vorteile zu verschaffen. In einem Versuch im Jahr 567 B.C.seinen Nachfolger Amasis mit Hilfe Nebukadnezars wieder vom Thron zu verdrängen  scheiterte Apries - er selbst fiel in der Schlacht – und wurde in allen Ehren in Sais beigesetzt.

Frá Theodor v. Schöning

Komtur des Tempels


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Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal bearbeitet, zuletzt von »- admin -« (17.12.2012, 23:32)
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